Gedanken im Rückblick – Fazit

Viele Fragen gehen uns durch den Kopf:

Was hat der Aufenthalt für Afrika gebracht? Was hat er mit uns gemacht?

Eine genaue Analyse ist uns nicht oder noch nicht möglich. Ich kann sagen, dass ich nicht eine Minute lang bereut habe, dieses Abenteuer eingegangen zu sein.
Natürlich gab es tausendmal Situationen in denen man sich fragt:“Was mache ich hier eigentlich“. Aber mit ein bisschen Abstand, kann man über vieles lachen. Bei einigen Dingen oder Situationen musste ich leider oftmals feststellen, dass meine Ideen oder Gedanken nicht kompatibel mit den Sambiern sind. Natürlich wollte ich niemals die deutsche Kultur einem Entwicklungsland aufzwingen. Trotzdem kommt man nicht aus seiner Haut und regt sich über Dinge auf, die für uns selbstverständlich sind, aber hier eben nicht.
In diesem Blog kann ich euch nicht alles erzählen, da Menschen, die nicht eingetaucht sind in dieses wunderschöne Land mit den wunderbaren Menschen und ihrer Kultur, einen falschen Eindruck bekommen würden.

Viele Verhaltensmuster erkennt und versteht man erst nach Jahren. Da sind selbst wir noch weit davon entfernt.

Oftmals denkt man, dass die Menschen undankbar oder einnehmend sind. Das hört man auch am Beginn dieses Blogs aus meinem Mund. Nach drei Jahren sehe ich das anders.
In Sambia hilft man sich innerhalb der Familie. Wenn jemand Geld verdient, unterstützt er die ganze Familie, die gerade kein Geld hat. Zu dieser Familie gehören auch Geschwister, Nichten, Neffen, Tanten, Schwiegerleute … Da ist es sehr schwer, selbst zu etwas zu kommen. Außerdem nennen sie jeden, der ihnen etwas gutes tut, Bruder oder Schwester. Manchmal sogar Mama und Papa. Das erklärt auch, warum einige drei mal frei brauchen, um zur Beerdigung der Mama zu gehen. Somit wächst auch die nicht blutsverwandte Familie. Manchmal werden sie zu einem Konflikt als Schlichter gerufen. Dann ist es für sie wichtiger für die Cousine oder den Onkel da zu sein, als pünktlich zur Arbeit zu erscheinen. Ein Sambier hat mir erklärt, dass sogar ein gutbezahlter Job nur befristet ist. Die Familie aber ist dein Leben lang für dich da.
Ist das nun gut oder schlecht?
Sollten wir pünktlichen, gewissenhaften Deutschen nicht darüber nachdenken anstatt zu schimpfen?
Die Situation ist natürlich verzwickt, wenn man selber Geld und Gut hat und nicht alles teilt. Wenn ich einmal an den Nachtguard ein Mückenspray ausgebe, weil mir gerade nach einem einem kleinen Geschenk für ihn ist, und er dann zwei Wochen später zu mir kommt und meint er bräuchte ein neues, das alte wäre leer, wie geht man damit um?

Pünktlich zu sein ist überhaupt nicht leicht hier. Straßen werden plötzlich gesperrt wegen Bauarbeiten. Dann ist es völlig egal, wie du damit zurecht kommst. Umleitungen gibt es nicht. Oder wenn der Präsident vorbei kommt, werden auch im Berufsverkehr die Straßen gesperrt. Da wartet man schon mal eine halbe Stunde. Die Deutschen haben die Uhr, die Sambier die Zeit.

Dann ist da noch die tief verwurzelte Macht der Geister, Zauberer und Hexen. Mein Gott, ihr könnt euch nicht vorstellen, wie viele Geschichten ich über verfluchte Leute oder magische Säfte und Pülverchen gehört habe. Das ist leider kein Witz und sollte man sehr ernst nehmen. Keegan litt eine ganze Weile Höllenqualen aus Angst vor unsichtbaren Hubschraubern, die ihm ein alter Mann aus seinem Heimatdorf hinterher schicken will. Nur weil ein Vorfahre etwas angestellt hat, müssen die Menschen Angst vor ihren Ahnen haben, die ihnen im Straßenverkehr totgeborene Kinder über die Augen legen und sie somit zu Tode kommen. Solche und ähnliche Geschichten hören wir auch von gebildeten Menschen.

Meine Maid erzählte mir, dass die sogenannten Heiler viel Macht haben. Sie wollen natürlich Geld für ihre Dienste. Manche versprechen einen Job, billigere Miete, ein längeres Geschlechtsteil, eine Ehefrau oder ähnliches. Wenn man nicht bezahlen kann, verlangen die Heiler Blut. Hinter vorgehaltener Hand gestand meine Maid, dass es Leute gibt die sogar ihre Kinder opfern.
In so ein Land bringen wir nun Computer, Handys, Steuern und andere moderne Dinge.
Wir sagen beide, dass Sambia ein Land ist, bei dem die meisten Menschen am Boden kochen, essen und schlafen und dabei fast jeder ein Handy am Ohr hat. Die momentane Generation muss sich mit modernster Technik auseinander setzen und geht abends heim in den Compound, um dann rund ums Feuer zu sitzen.

Wenn wir ehrlich sind, haben wir während unseres Aufenthaltes zwar einigen wenigen Menschen aus der totalen Armut geholfen, den Musikern ein reichhaltiges Repertoire an Musik und unseren Angestellten eine Zukunftsperspektive hinterlassen, einigen Kindern das Lesen und Rechnen beigebracht, aber sonst nicht viel erreicht. Meine persönliche Meinung ist: Solange andere Länder Millionen in dieses Land stecken, werden die Sambier sich nicht selber helfen. All diese Millionen sollten einzig und alleine in Bildung gesteckt werden, dann schaffen diese Menschen es von ganz alleine, ihr Land zu bestellen und zu beschützen. Nur denke ich, selbst wenn das möglich wäre, hätte die Regierung etwas dagegen. Gebildete Menschen können gefährlich werden.

Momentan sind Leo und ich soweit, dass wir die Sambier als Kinder sehen. Das meinen wir absolut nicht hochnäsig. Ganz ehrlich. Es macht so vieles leichter. Sie denken, reden und handeln fast alle wie Kinder. Ob sie jetzt ein Schrottauto kaufen und ohne Führerschein damit herumfahren oder ob sie anders ihr Geld auf unglaublich naive Art in den Sand setzen.

Wie sie einen um Gefallen oder Wertgegenstände fragen, alles geschieht wie wenn Kinder am Werk wären. Das ganze jetzt noch zurück in die fünfziger Jahre und dann versteht man ein wenig Land und Leute.

Im Finanzamt ist vieles auf den Weg gebracht worden. Einiges konnte noch nicht umgesetzt werden. Einiges hat sich verbessert, aber vieles braucht noch Jahre.

Fazit: Wir sind mit großen Hoffnungen und Erwartungen hierher gekommen, um den Sambiern zu helfen. Die Kappelmeiers können die Welt nur bunter und schöner machen, aber nicht retten!

ENDE

Die letzten Wochen

7.11.2018

Die Zettls haben es auf den letzten Metern noch geschafft uns zu besuchen. Wir hatten eine wunderschöne Zeit zusammen. Leider zu kurz um viel zu sehen.

Immerhin haben wir es geschafft nach Livingstone zu fahren und die Falls zu bestaunen. Auf der Sambischen Seite war wie zu erwarten um diese Jahreszeit kaum Wasser. Aber so kann man die gigantischen Felswände bestaunen die man nach der Regenzeit vor lauter Gischt gar nicht erkennt. Zu Fuß sind wir bei sengender Hitze über die Grenze nach Simbabwe gegangen. Nach der aufwändigen Ein- und Ausreise haben wir die Viktoriafälle von der Simbabwe Seite sehen können. Dort gibt es immer ein wenig spektakulärere Bilder.

Der Tagesausflug nach Bozwana in den Chobe Nationalpark darf natürlich nicht verpasst werden.

Ansonsten hatten wir eine schöne Zeit in Lusaka mit Canasta, Mosibier und Gin-Tonic.

Jetzt beginnen die letzten drei Wochen und wir sind am Verkaufen unserer Möbel und des mühsam angeschaften Hausrates.
Zurück nach Deutschland fliegen wir mit vier Koffern.

Schwer fällt der Abschied von den Guards.

… und den Heimen und Schulen.

Unsere mittlerweile zwei Katzen dürfen auch mit. Das zu Organisieren ist ein anderes Thema. Hoffentlich klappt alles.

Gerissene Quatrizepssehne und andere Probleme

Juli 2018

Schon im Dezember 2017 ist während der Regenzeit ein Teil einer Mauer, die unser Grundstück umgibt, eingefallen. Im Mai dieses Jahres begannen nun endlich die Arbeiten, sie neu aufzubauen. Da dies wie erwartet sehr schlampig gemacht wurde, hat Leo den Arbeitern, die meist in unserem Garten ein Schläfchen hielten, die Meinung gesagt. Auf dem Rückweg ist er ausgerutscht, so dass er nicht mehr aufstehen konnte. Wie peinlich. Mit Hilfe von Sunday, habe ich Leo ins Haus geschleppt. Er hatte keine Chance den Fuß anzuheben. Da es Samstag war, war im Krankenhaus keine Rezeption besetzt. Die Schmerzen waren mittlerweile erträglich. Eine befreundete Physiotherapeutin aus der Schweiz, kam am Abend und brachte eine Beinschiene. Damit konnten wir bis Montag warten, um in das Krankenhaus zu fahren, in dem ein italienischer Orthopäde arbeitet. Wie schon gedacht, da Leo die gleiche Verletzung vor 16 Jahren am anderen Fuß hatte, war die Quatrizepssehne komplett abgerissen. Der Medizinische Dienst der GIZ war von uns schon am Sonntag informiert worden und der Arzt bestätigte, dass Leo in Deutschland oder Südafrika operiert werden muss. Dann ging alles erstaunlich schnell. Schon am Dienstag wurden wir mit dem Sanka von unserem Haus zum Flughafen gebracht. Nach ein paar kleinen Hindernissen ist Leo am Donnerstag in München operiert worden.

Er musste anschließend 6 Wochen in Deutschland bleiben. Da das mit unserem kompliziertem Leben in Lusaka nicht so einfach geht, bin ich nach vier Wochen erst mal alleine zurück. Ich wäre gerne noch ein bisser länger im warmen Sommer Deutschlands geblieben, noch dazu da hier in Sambia gerade Winter ist. Aber wie die meisten von euch schon wissen, muss man den Strom im voraus kaufen (der drohte auszugehen) und dann würde die Außenbeleuchtung, die Poolpumpe und der Kühlschrank versagen. Das Internet musste wieder bezahlt werden, sonst hätten sie uns das abgestellt. Beides geht nur bar. Außerdem warteten die Angestellten auf ihr Gehalt. Natürlich auch in bar. Unsere Katzen brauchten wieder Futter und Streicheleinheiten. Also musste ich zurück. Nun ist Leo wieder hier, hat fleißig Physio gehabt und kann mittlerweile sogar vorsichtig wieder Treppen steigen.

Die Mauer ist ohne unser dazutun aufgestellt. Der afrikanische Winter ist in den letzten Zügen. Es hatte nachts öfter mal 9 Grad. Tagsüber ist es zwar bis 24 Grad warm, aber durch den ständigen kalten Wind fühlt es sich an wie 12 Grad. Wenn die Sonne es nicht durch die Wolken schafft, ist es mehr als ungemütlich. Ihr solltet wissen, dass es keine Heizung gibt und die Häuser nicht isoliert sind. Die Fenster sind undicht und haben nur Einfachverglasung. Wenn nicht gerade Stromausfall ist, kann man wenigstens in die warme Badewanne steigen, die mit einem Boiler geheizt wird.

Zur Badewanne kann ich noch eine nette Geschichte erzählen. Letzte Woche habe ich mit meinen beiden Guards die Garage aufgeräumt. Da waren noch Sachen vom Vormieter drin. Nachdem sie ordentlich und geputzt war, habe ich die Beiden gefragt, ob ich ihnen eine Badewanne einlassen darf. Zuerst haben sie die Augen aufgerissen. Dann kam lautes Lachen. Als sie merkten, dass ich es Ernst meinte, kam scheues Kopfschütteln. Nach tausendmaligem Nachfragen, ob ich wirklich das Masterbad in unserem Haus meine, kam zuerst Sunday unter ständigem Gekicher von Beiden. Er genoss zum ersten Mal in seinem Leben ein warmes Bad in einer Wanne. Nachdem sich Lameck immer noch zierte, musste ihm Sunday erst zeigen, dass er nicht weiß wurde und die Haut noch gesund und schwarz ist. Dann ging auch er zum Baden.

Sonst ist alles wie gewohnt. Ich entdecke immer wieder neue Orte, an denen Kinder und Jugendliche ein trauriges Dasein fristen. Aber trotzdem ist die Grundstimmung immer fröhlich.
Diese Bilder sind von einem Platz, an dem ein Pater Straßenjungs ein Herberge bietet. Bis vor ein paar Wochen schliefen sie auf dem Betonboden ohne Decken (bei ca. 9 Grad nachts). Ich habe Schlafmatten besorgt und DISA hat 40 Decken gespendet.

Auch in der kleinen Compound-Schule konnte ich mit euren Spenden Tische und Bänke liefern.

Bei unserem Nachtguard Keegan und der Maid Esnart entwickelt sich eine Liebelei. Das hat lange gedauert, bis wir das erfahren haben. Aber warum nicht: Esnart ist Witwe und Keegan lebt in Scheidung. Auf jeden Fall bin ich froh, dies jetzt zu wissen, da es eine Menge Missverständnisse und Probleme, die auftraten, erklärt. Da von uns eine Art elterliche Verantwortung erwartet wird, haben wir einige Streitgespräche führen müssen, deren Sinn uns nicht ganz klar war. Nun, da wir wissen, dass zwei unserer Männer ein Auge auf Esnart haben und noch ein paar andere Eifersuchtsgeschichten im Hintergrund liefen, ist vieles klarer. Wir würden uns da ja gerne raushalten, das ist aber in dieser Kultur nicht möglich. Wir sind älter als unsere Leute und somit erfahrener und damit erwarten sie, wie kleine Kinder in Deutschland, dass Mama und Papa helfen. Leider erfährst du hier als Musungu immer nur einen Teil der Wahrheit. Wir müssen also scharf kombinieren und exakt nachfragen. Nur dann erzählen sie die Wahrheit. Nach fast drei Jahren lernt man so einiges.

Im August kommt mein Bruder mit Katja und Neo. Regina macht auch noch mal Urlaub in Lusaka. Wir freuen uns schon. Das wird der letzte Besuch sein, den wir hier haben. Es sei denn, es will noch jemand von euch kommen.

Bis bald

Die Zeit vergeht

Mittwoch 11.4.2018

Für mich ist mittlerweile alles so normal, dass ich mir nicht sicher bin, was ich euch erzählen will.
Wir waren im Februar kurz in Deutschland. Leo brauchte dringend Abstand von Afrika. Manchmal überkommt einen ein kleines pissed off Afrika. Nach ein paar Tagen Deutschland, freuen wir uns dann wieder auf Afrika.

Ende März war Benjamin Köthe, ein Musikerkollege von Leo aus Deutschland, mit seiner Frau Sigrid zu Besuch.

Am Freitag besucht uns Lena mit David.

In den Zeiten dazwischen hab ich natürlich wieder viele Schulen und Heime besucht.

Es gibt auch sehr schöne und liebevoll geführte Heime und Schulen.

Hier feiern wir einen Günter-Scheller-Tag. Boxclub Sendling, insbesondere Günter, hat mir Geld für Afrika mitgegeben und wollte, dass ich einen Kuchen kaufe und eine Party mit möglichst vielen Kindern veranstalte.

Im Kinderheim Living Hope gibt es einige neue jüngere Buben. Ein paar von meinen ersten Kindern haben mittlerweile ordentliche Papiere. Sie sind jetzt registrierte Sambier und konnten in ein normales Heim wechseln. In Living Hope kommen Straßenkinder von überall zusammen. Einige sind auch aus Nachbarländern wie zum Beispiel Kongo. Da ist das Problem, dass die Kinder nur ihre lokale Sprache und ein wenig Französisch sprechen. Also ist ein normales Gespräch auch mit den Sambischen Jungs oder gar psychologische Aufarbeitung nicht möglich. Es gäbe sowieso keine Fachkräfte hierfür.
Ich kann nur meine Zeit spenden, bisschen spielen, malen, basteln und manchmal auch lautes Lachen hervorzaubern.

Unsere Guards haben zu Ostern jeder einen Hahn aus meiner Hühnerzucht bekommen.

Max, Leos Bruder, hat vier Fahrräder spendiert.

Leider konnten wir nur drei kaufen, da Keegan das Geld für eine Beerdigung dringender brauchte. In den letzten zwei Jahren, sind so viele Beerdigungen gewesen, dass ich sie gar nicht aufzählen kann. Hier wird eine Beerdigung als wichtigstes Ereignis des Lebens zelebriert. Alle Verwandten kommen von überall her. Jeder bringt mit, was er hat. Manchmal ist das nur eine Hand voll Nshima oder Reis. Manchmal ein Huhn. Das meiste aber bleibt an dem ältesten hinterbliebenen Sohn hängen. Alle Verwandten bleiben mindestens drei Tage. Ein Laster, auf dem alle zum Friedhof fahren muss organisiert werden. Alle schlafen abwechselnd in den winzigen Hütten, die meist aus nur zwei Räumen bestehen – ohne Bad und Küche. Wenn Keegan kein Geld gehabt hätte, um den Verwandten die Rückreise zu bezahlen, würden sie immer noch bei ihm wohnen. Hier plant niemand zwei Tage im voraus. Sie leihen sich Geld für die Anreise, denn zu Beerdigung muss onbedimgt kommen. Wie man zurück kommt, das wird Gott dann schon richten. Im letzten Fall war es Max, der Geld für Fahrräder spendiert hat, das für Keegan leider für die Beerdigung benutzt werden musste.
Heute fehlt schon wieder Sunday, der ist auch auf eine Beerdigung gefahren. Glücklicherweise kann ich mich darauf verlassen, dass er morgen wieder hier sein wird. Er ist einer der wenigen vorausplanenden Sambier.

Ich könnte wochenlang über Erlebnisse berichten, doch vieles kann man gar nicht in Worte fassen.

Darum wird im letzten Jahr auch nicht jedes Monat ein neuer Beitrag erscheinen.

Bis bald

Geschichten aus Lusaka

Sonntag 29.1.2018

Es ist immer mal wieder lustig, was hier so alles anders ist als gewohnt.

Zu Weihnachten zum Beispiel hat jeder unserer Angestellten ein Huhn aus meiner zur damaligen Zeit 40 Hühner starken Zucht bekommen. Natürlich freuten sie sich, da zur Weihnachtszeit der Preis für Village Chicken sehr steigt. Als der Tag der Schlachtung kam, fragte Sunday ganz schüchtern, ob es möglich wäre, das Huhn auch lebendig mit nach Hause nehmen zu dürfen. Ok, sie haben keinen Kühlschrank, aber deswegen sollte die Schlachtung ja am 23. Dezember sein. Als ich nicht aufgab, den Grund zu erfahren, kam heraus, dass alle den „Christmas-Sound“ im Compound zelebrieren. Das bedeutet, zu Weihnachten möchte jeder, der es sich leisten kann, seinen Nachbarn hören lassen, dass sie ein lebendes Huhn haben.
Das arme Huhn soll also vor ihrem Haus noch einmal laut gackern, bevor es im Topf landet. Was soll ich da sagen? Die Bedingung war, dass es nicht lange leiden muss. So ist dann jeder stolz mit dem Huhn über dem Fahrradlenker in den Weihnachtsurlaub geradelt. Davon gibt es aus gutem Grund keine Bilder.

Ab 2018 muss jeder Guard, der von Leos Arbeitgeber bezahlt wird, bei der Rentenversicherung angemeldet sein. Dafür müssen ein paar Formulare ausgefüllt werden. Name, Geburtsdatum, Name der Ehefrau und der Kinder, Wohnort, Geburtsort… Das stellte sich als nicht so einfach heraus. Das Geburtsdatum ihrer Kinder wissen die wenigsten auswendig. Die Adresse lautet bei allen immer nur „Garden“ oder „Ngombe“. So nennt man die Compounds, je nach dem in welchem Viertel sie liegen. Straßennamen oder gar Hausnummern gibt es nicht.

Wie Leo immer zu sagen pflegt, „da fehlt’s vom Boa weg“.

Könnt ihr euch vorstellen wie man hier Steuern eintreiben soll? Es gibt keine anständigen Adressen, geschweige denn eine Post. Ein Geburtenregister gibt es auch nicht.

Zur Zeit gibt es hier leider vermehrt Cholera. Es gab schon viele Tote. Natürlich trifft es wie immer die Ärmsten. In den Compounds gibt es nirgends fließend Wasser. Viele Häuser haben nicht einmal eine Grube für die Notdurft. Sie machen ihr Geschäft in eine Plastiktüte und schmeissen diese dann irgend wohin. Wenn jemand so eine Unterkunft bewohnt, schmeisst ihn das Militär jetzt gnadenlos raus. Diese Familie hat dann 17 Stunden Zeit die Wohnung zu räumen. Wo sie dann wohnen oder auf die Toilette gehen, fragt niemand nach. Cholera gibt es jedes Jahr wieder, wenn der Regen kommt. Dieses Jahr scheint es aber schlimmer als üblich zu sein. Deshalb kommt man in kein Geschäft mehr hinein, ohne dass die Hände von einem eigens dafür abgestellten Mitarbeiter mit Desinfektionsmittel besprüht werden.
Die Schulen waren von Weihnachten bis letzte Woche geschlossen. Kirchen durften nur noch 15 Minuten abgehalten werden, damit niemand auf die Toilette muss. Versammlungen mit mehr als fünf Personen waren verboten. Den riesigen lokalen Markt in Town hat man rigoros abgerissen. Dort gibt es halt auch keine Toilette. Aber die Bevölkerung ist darüber natürlich nicht so begeistert. Man hat einen neuen Marktplatz mit Platz für 2.000 Stände und Verkaufsmöglichkeiten eingerichtet, aber mehr als 2.600 Händler wollen dort verkaufen – Chaos wieder einmal vorprogrammiert. Leo sagt, da hätte man nur Händler mit einer gültigen Steuernummer reinlassen dürfen, dann wären noch 1.000 Stände frei!

Einige meinen, die Regierung hat das Problem Cholera ein wenig hoch geschaukelt, damit Amerika und China die Millionen locker machen, um die Stadt zu säubern. Das hat relativ gut funktioniert. Die Polizei hält herumlaufende Personen, von denen sie glauben, dass sie nichts zu tun haben, einfach auf und dann müssen diese die Straßengräben säubern. Ob sie wollen oder nicht. Ohne Handschuhe und ohne Widerrede. Das hat den Vorteil, dass im Augenblick die Straßen relativ sauber sind. Auch der Müll wurde tatsächlich von einer Müllabfuhr geholt. Wo er dann hinkommt, weiß ich leider nicht. Wie auch immer, die Neuansteckungsfälle gehen zurück. Vielleicht auch deshalb, weil der richtig starke Regen immer noch auf sich warten lässt. Das ist momentan ein Glück für die Bevölkerung in Bezug auf Cholera, aber die Farmer haben große Probleme mit der Ernte. Dieses Problem wird aber erst später zu spüren sein. Hier denkt man nur bis heute und morgen wird Gott es schon richten. Wir kommen mit diesem Problem ganz gut zurecht. Die Reichen haben ihren eigenen Brunnen. Sauberes Wasser ist das wichtigste. Trinkwasser können wir uns leisten. Gemüse und Obst kaufen wir nicht mehr auf der Straße, was die armen Straßenhändler natürlich noch ärmer macht. Das Beste an dem großen Problem zur Zeit ist aber, dass irgendjemand wohl auch Geld freigegeben hat, um die Compouds und die Wassergräben der ganzen Stadt gegen Ungeziefer zu sprühen. Das bedeutet, dass wir zur Zeit keine Mücken mehr haben. Leider kommen jetzt die Kakerlaken aus ihren Verstecken.

So dieses mal viel Info und keine Bilder.

Bis bald

Frauenbund Schnaitsee

12.12.2017

Der Frauenbund Schnaitsee hat mit Kuchenverkauf auf dem Markt 500 Euro gesammelt und über meine Schwester an mich weiter geleitet. Vielen Dank an alle fleißigen Frauen!

Dieses Geld ging in eine Community Schule. Sie heisst Ikubusiko. Dort drohte eine Mauer einzustürzen. Da die Regenzeit erst beginnt, war große Eile geboten etwas zu unternehmen, bevor sie unterspült wird und auf Kinder fällt, die dort vorbei laufen müssen, um in ihre Klasse zu kommen. Gut dass ich da schnell und unbürokratisch helfen konnte. Wir haben die Mauer mit drei Betonpfeilern abgestützt.

Ausserdem habe ich eine Art Gehsteig bauen lassen, damit man nicht jedesmal knöcheltief im Schlamm steckt, wenn man in die Schule geht.

Dann war ich noch mit meinem Gärtner Sunday im Compound, um Farbe zu kaufen. Sie haben die Aussenansicht ein bisserl netter gestaltet. Was mit dem zweiten Farbeimer geschieht, den ich vorbei gebracht habe, werden wir im neuen Jahr sehen.

Vorher:

Nachher:

Bis bald und frohe Weihnachten

Die Zeit vergeht

7.12.2017

Das letzte Jahr in Sambia bricht bald an.

Meine Freundin Heike war im November zu Besuch. Es war wie immer mit ihr eine superschöne Zeit. Wir waren gemeinsam im South Luangwa. Wie immer in diesem Nationalpark haben wir viele Tiere gesehen. Ich möchte euch nicht langweilen mit immer denselben Fotos, aber ein paar müssen einfach geschickt werden.

Weihnachten steht vor der Türe. Bei uns ist es um diese Zeit sehr heiß. Die Regenzeit hat noch immer nicht richtig angefangen. Nur ein paar Minuten in der Woche ein paar Tropfen.
So richtige Weihnachtsstimmung will sich bei mir nicht einstellen. Da hilft auch nicht Plätzchenbacken bei 30 Grad.
Im Kinderheim Living Hope, in dem ich immer noch einmal die Woche arbeite, versuchen wir die Stimmung mit Basteln zu zaubern.

Am interessantesten war für die Buben der Glitzer

Auch heuer gab es wieder für jeden Buben ein Geschenk. Für einige ist das ihr erstes eigenes und eingepacktes Geschenk. Es gab neue Sonnenkappen, Socken (Socken sind hier bessere Geschenke als in Deutschland), Stifte und ein paar Süßigkeiten. Danke an meinen Bruder, meine Schwägerin und ihren Sohn Neo, der vom Taschengeld 5 Euro dazu gespendet hat. Somit gab es auch noch für alle einen Lederfußball.

Bis bald

Oktoberfest in Sambia

16. September 2017

Pünktlich zum Wiesnbeginn versuchte Lusaka ein Oktoberfest zu veranstalten.
Leo und ich haben uns in die Tracht gezwängt und waren dort. Ihr könnt euch nicht vorstellen, wie oft wir fotografiert worden sind. Wir waren die einzigen Bayern dort und die Einzigen, die eine originale Tracht anhatten. Sogar das lokale Fernsehen wollte ein Interview.

Leider war das Fest nicht annähernd Wiesn-ähnlich. Am schlimmsten aber war die Techno-Musik aus vielen Lautsprechern. Allerdings hatten wir natürlich super Wetter.

Bis bald

Besuch von Vater und Tochter

Dienstag 5. September 2017

Mitte August bekamen wir Besuch aus Deutschland, weshalb ich keine Zeit zum Schreiben fand. Es hat mich sehr gefreut, dass sich mein Vater die lange und anstrengende Reise zugetraut hat.

Wir haben natürlich wieder Ausflüge in den Busch unternommen.

Mit dem Flieger in 40 Minuten für zwei Nächte an den Lower Zambezi

Im Zambezi Nationalpark

Mein Vater und meine Tochter Regina begleiteten mich auch bei meinem normalen Tagesablauf

Wir hatten eine schöne Zeit. Erst durch Menschen, die das erste Mal in Sambia sind, merke ich wie viel ich hier gelernt und geschafft habe. Ich bekomme Bewunderung für Dinge, die mittlerweile normal für mich sind. Wenn ich aber an die Anfangszeit in Lusaka zurückdenke, dann bin ich doch ein bisschen stolz, dass ich es geschafft habe, ein neues Leben hier aufzubauen.

Sowohl mit Sambiern …

… als auch mit Deutschen …

… oder anderen Nationalitäten …

… oder einfach nur das eigene Haus so bewohnbar zu machen, dass man ohne größere Probleme darin wohnen kann.

Bis bald