Geschichten aus Lusaka

Sonntag 29.1.2018

Es ist immer mal wieder lustig, was hier so alles anders ist als gewohnt.

Zu Weihnachten zum Beispiel hat jeder unserer Angestellten ein Huhn aus meiner zur damaligen Zeit 40 Hühner starken Zucht bekommen. Natürlich freuten sie sich, da zur Weihnachtszeit der Preis für Village Chicken sehr steigt. Als der Tag der Schlachtung kam, fragte Sunday ganz schüchtern, ob es möglich wäre, das Huhn auch lebendig mit nach Hause nehmen zu dürfen. Ok, sie haben keinen Kühlschrank, aber deswegen sollte die Schlachtung ja am 23. Dezember sein. Als ich nicht aufgab, den Grund zu erfahren, kam heraus, dass alle den „Christmas-Sound“ im Compound zelebrieren. Das bedeutet, zu Weihnachten möchte jeder, der es sich leisten kann, seinen Nachbarn hören lassen, dass sie ein lebendes Huhn haben.
Das arme Huhn soll also vor ihrem Haus noch einmal laut gackern, bevor es im Topf landet. Was soll ich da sagen? Die Bedingung war, dass es nicht lange leiden muss. So ist dann jeder stolz mit dem Huhn über dem Fahrradlenker in den Weihnachtsurlaub geradelt. Davon gibt es aus gutem Grund keine Bilder.

Ab 2018 muss jeder Guard, der von Leos Arbeitgeber bezahlt wird, bei der Rentenversicherung angemeldet sein. Dafür müssen ein paar Formulare ausgefüllt werden. Name, Geburtsdatum, Name der Ehefrau und der Kinder, Wohnort, Geburtsort… Das stellte sich als nicht so einfach heraus. Das Geburtsdatum ihrer Kinder wissen die wenigsten auswendig. Die Adresse lautet bei allen immer nur „Garden“ oder „Ngombe“. So nennt man die Compounds, je nach dem in welchem Viertel sie liegen. Straßennamen oder gar Hausnummern gibt es nicht.

Wie Leo immer zu sagen pflegt, „da fehlt’s vom Boa weg“.

Könnt ihr euch vorstellen wie man hier Steuern eintreiben soll? Es gibt keine anständigen Adressen, geschweige denn eine Post. Ein Geburtenregister gibt es auch nicht.

Zur Zeit gibt es hier leider vermehrt Cholera. Es gab schon viele Tote. Natürlich trifft es wie immer die Ärmsten. In den Compounds gibt es nirgends fließend Wasser. Viele Häuser haben nicht einmal eine Grube für die Notdurft. Sie machen ihr Geschäft in eine Plastiktüte und schmeissen diese dann irgend wohin. Wenn jemand so eine Unterkunft bewohnt, schmeisst ihn das Militär jetzt gnadenlos raus. Diese Familie hat dann 17 Stunden Zeit die Wohnung zu räumen. Wo sie dann wohnen oder auf die Toilette gehen, fragt niemand nach. Cholera gibt es jedes Jahr wieder, wenn der Regen kommt. Dieses Jahr scheint es aber schlimmer als üblich zu sein. Deshalb kommt man in kein Geschäft mehr hinein, ohne dass die Hände von einem eigens dafür abgestellten Mitarbeiter mit Desinfektionsmittel besprüht werden.
Die Schulen waren von Weihnachten bis letzte Woche geschlossen. Kirchen durften nur noch 15 Minuten abgehalten werden, damit niemand auf die Toilette muss. Versammlungen mit mehr als fünf Personen waren verboten. Den riesigen lokalen Markt in Town hat man rigoros abgerissen. Dort gibt es halt auch keine Toilette. Aber die Bevölkerung ist darüber natürlich nicht so begeistert. Man hat einen neuen Marktplatz mit Platz für 2.000 Stände und Verkaufsmöglichkeiten eingerichtet, aber mehr als 2.600 Händler wollen dort verkaufen – Chaos wieder einmal vorprogrammiert. Leo sagt, da hätte man nur Händler mit einer gültigen Steuernummer reinlassen dürfen, dann wären noch 1.000 Stände frei!

Einige meinen, die Regierung hat das Problem Cholera ein wenig hoch geschaukelt, damit Amerika und China die Millionen locker machen, um die Stadt zu säubern. Das hat relativ gut funktioniert. Die Polizei hält herumlaufende Personen, von denen sie glauben, dass sie nichts zu tun haben, einfach auf und dann müssen diese die Straßengräben säubern. Ob sie wollen oder nicht. Ohne Handschuhe und ohne Widerrede. Das hat den Vorteil, dass im Augenblick die Straßen relativ sauber sind. Auch der Müll wurde tatsächlich von einer Müllabfuhr geholt. Wo er dann hinkommt, weiß ich leider nicht. Wie auch immer, die Neuansteckungsfälle gehen zurück. Vielleicht auch deshalb, weil der richtig starke Regen immer noch auf sich warten lässt. Das ist momentan ein Glück für die Bevölkerung in Bezug auf Cholera, aber die Farmer haben große Probleme mit der Ernte. Dieses Problem wird aber erst später zu spüren sein. Hier denkt man nur bis heute und morgen wird Gott es schon richten. Wir kommen mit diesem Problem ganz gut zurecht. Die Reichen haben ihren eigenen Brunnen. Sauberes Wasser ist das wichtigste. Trinkwasser können wir uns leisten. Gemüse und Obst kaufen wir nicht mehr auf der Straße, was die armen Straßenhändler natürlich noch ärmer macht. Das Beste an dem großen Problem zur Zeit ist aber, dass irgendjemand wohl auch Geld freigegeben hat, um die Compouds und die Wassergräben der ganzen Stadt gegen Ungeziefer zu sprühen. Das bedeutet, dass wir zur Zeit keine Mücken mehr haben. Leider kommen jetzt die Kakerlaken aus ihren Verstecken.

So dieses mal viel Info und keine Bilder.

Bis bald